Montag, 22.10.2018

Die Jugendarbeit im Dilemma


von Marco


26. August 2009:
Der Fall des ehemaligen Jugendtrainers Wolfgang D. sorgt derzeit in Passau für Gesprächsstoff. Dem 39-jährigen Informatiker wird sexueller Missbrauch von Kindern in insgesamt 224 Fällen vorgeworfen. Seine Opfer hatte er über die Jugendarbeit beim Passauer Judo-Club kennen gelernt. Demnächst wird er sich vor dem Landgericht Passau verantworten müssen. Aufgeflogen ist die jahrelange Missbrauchsserie durch die Anzeige einer aufmerksamen Mutter:

„Die Leute haben alle irgendwie weggeschaut“

Die Mutter erhebt schwere Vorwürfe gegen den Passauer Judo-Club: „Die Leute haben alle irgendwie weggeschaut, und nicht nur die im Verein“, mit diesen Worten wird die 47-Jährige von der „Passauer Neuen Presse“ zitiert. Für die couragierte Frau begann nach der Anzeige eine schwere Zeit: Sie wurde angefeindet und bedroht, selbst im Verein hielten nur noch wenige Leute zu ihr. „Es kann halt nicht sein, was nicht sein darf.“, so die frustrierte Feststellung der dreifachen Mutter. Doch warum traute sich selbst im Verein niemand, gegen den offensichtlichen Missbrauchstäter vorzugehen? Auch dafür hat die Frau eine Erklärung: „Er war halt unersetzlich für den Verein geworden.“ Ich glaube, mit dieser Aussage hat die Mutter das Kernproblem sehr treffend erkannt. Da ich selbst in der Vereinsarbeit tätig bin, weiß ich, wie schwer es heutzutage ist, Erwachsene zu finden, die bereit sind, sich in der Jugendarbeit zu engagieren.

 

Die Not der Vereine

Die meisten Erwachsenen genießen nach einem anstrengenden Arbeitstag lieber ihren Feierabend, als sich um die Kinder fremder Leute zu kümmern. In vielen Vereinen hängt die ganze Jugendarbeit an zwei oder maximal drei Personen. Unter diesen Umständen freut man sich über jeden, der überhaupt noch bereit ist, sich in der Nachwuchsarbeit zu betätigen. Die Jugendarbeit ist von existenzieller Bedeutung für die Sportvereine. Ein Verein, der keine Nachwuchsarbeit betreibt, wird früher oder später an Überalterung zugrunde gehen. Die Vereine wissen um die Bedeutung der Jugendarbeit, merken aber gleichzeitig, wie schwer es ist, verantwortungsvolle Erwachsene für die Jugendarbeit zu begeistern. Ein Dilemma, dass pädophile Missbrauchstäter sehr gekonnt für sich auszunutzen wissen. Durch ihr oft überdurchschnittliches Engagement machen sie sich in manchen Vereinen de facto unentbehrlich. Dies kann bisweilen dazu führen, dass man einigen Leuten allzu schnell vertraut, die man vorher erst einmal prüfen sollte. Das ist menschlich durchaus verständlich, darf aber niemals dazu führen, dass offensichtliche sexuelle Übergriffe stillschweigend gedeckt werden, wie das in Passau möglicherweise passiert ist. Für sexuellen Missbrauch darf es keine Toleranz geben, auch wenn dies im Extremfall das Ende der Jugendarbeit bedeutet. Sollten sich die Vorwürfe der Mutter als zutreffend erweisen, dann gehört nicht nur der Missbrauchstäter auf die Anklagebank, sondern die komplette Vereinsführung.

Trotzdem muss es nicht von vornherein schlecht sein, wenn sich Pädophile in der Jugendarbeit engagieren. Im Gegenteil: Würde man alle Pädophilen von heute auf morgen aus der Jugendarbeit entfernen, dann würde die Jugendarbeit vielerorts komplett zusammenbrechen, was auch nicht im Sinne der Kinder sein kann. Wer seine Sexualität unter Kontrolle hat und verantwortlich damit umgehen will, für den kann die Jugendarbeit auch eine wichtige Kompensation sein für die unerfüllte Sexualität. Eine generelle Hexenjagd auf Menschen mit pädophilen Neigungen ist deshalb nicht gerechtfertigt. Dies hat auch der Passauer Oberstaatsanwalt Joachim Peuker richtig erkannt, wenn er sagt, ein generelles Misstrauen gegenüber Jugendtrainern sei unangebracht. Stattdessen solle man wachsam blieben und einschreiten, wenn man etwas Auffälliges bemerkt. Das sind Ratschläge, denen ich mich aufgrund meiner eigenen Erfahrung nur anschließen kann.

Man sollte in den Vereinen darüber nachdenken, ob man sich von angehenden Jugendtrainern nicht generell ein polizeiliches Führungszeugnis zeigen lässt, bevor man sie mit der Jugendarbeit betraut. Auf diese Weise könnte man wenigstens die Wiederholungstäter aussortieren. Es ist aber auch wichtig, die Jugendarbeit nicht nur den Pädophilen zu überlassen. Wenn mir mehr „normale“ Erwachsene hätten, die sich aus ehrenwerten Motiven in der Jugendarbeit engagieren, dann hätten es auch Missbrauchstäter wie Wolfgang D. deutlich schwerer, weil es nicht mehr so viele Nischen gäbe, in denen sie sich einnisten können. Ich will pädophile Täter nicht in Schutz nehmen, aber eine Gesellschaft, die immer weniger Zeit und Arbeit in ihre Jugend investiert, darf sich nicht wundern, wenn die entstehenden Lücken von Leuten besetzt werden, die damit ihre ganz eigenen Ziele verfolgen.

 

Teamfähigkeit als Schlüsselqualifikation

Jugendarbeit erfordert viel Idealismus und die Bereitschaft, regelmäßig einen Teil der eigenen Freizeit zu opfern. Jugendarbeit bedeutet, eine langfristige Verpflichtung zu übernehmen; sich aufzuraffen, auch wenn man nach Feierabend müde ist und den Abend lieber auf dem Sofa verbringen würde. Diesen Idealismus bringen in der heutigen Zeit nicht viele Menschen mit, obwohl uns unsere Kinder eigentlich jeden Einsatz wert sein sollten. Das wäre aus meiner Sicht der wirkungsvollste Schutz gegen sexuellen Missbrauch in der Vereinsarbeit. Ideal wäre es, wenn Jugendarbeit im Team aus mehreren Erwachsenen stattfindet. Dies hat mehrere ganz konkrete Vorzüge:

‒ Im Team kann sich intensiver um die Einzelförderung kümmern, wovon die Kinder ganz unmittelbar profitieren.

‒ Die Jugendtrainer können über wichtige Fragen gemeinsam beraten, wenn es z. B. um die Aufstellung von Regeln geht. Man kann Probleme aus unterschiedlichen Blickwinkeln angehen und sich verschiedene Meinungen anhören.

‒ Im Team findet eine gegenseitige Kontrolle statt, man kann sich gegenseitige Rückmeldungen geben über die Stärken und Schwächen, die man beim Anderen beobachtet.

Im Berufsleben gelten Teamarbeit und Teamfähigkeit heute als Schlüsselqualifikationen, warum soll das in der ehrenamtlichen Arbeit nicht genauso sein? Gerade in der Jugendarbeit ist es unklug, die ganze Verantwortung auf eine einzige Person zu fokussieren, denn damit gibt man den Schwarzen Schafen unter den Trainern praktisch ideale Bedingungen an die Hand. Stattdessen würde ich allen Vereinen raten, auf Teamfähigkeit zu setzen und die Verantwortung auf mehrere Schultern zu verteilen. Ich bin sicher, auf diese Weise wäre auch ein Missbrauchstäter wie Wolfgang D. sehr viel schneller aufgefallen.

aktualisiert: 30.04.2011