Montag, 22.10.2018

Gibt es eine kindgerechte Pädophilie-Definition?


von Marco


5. Juli 2008:
Mit Kindern über sexuellen Missbrauch zu reden, erfordert großes Fingerspitzengefühl. Schließlich geht es darum, sie vor berechtigten Gefahren zu warnen, ohne sie unnötig in Angst zu versetzen. Doch wie erklärt man Kindern einen so schwierigen Begriff wie „Pädophilie“, den selbst viele Erwachsene nicht verstehen? Aufklärungsbroschüren, die sich direkt an Kinder wenden, vermeiden solche Fachausdrücke und setzen auf kindgerechte Umschreibungen. Da ist dann nicht von „Tätern“ oder Pädophilen“ die Rede, sondern von „Erwachsenen, die Kinder begrabschen“ oder von „die dich in Stellen berühren, wo es dir unangenehm ist“.

Man muss aber immer damit rechnen, dass Kinder von irgendwo her Fachbegriffe aufschnappen, die sie nicht verstehen. Dann werden Fragen gestellt, denen man sich als Erwachsener nicht entziehen kann. Doch was antwortet man, wenn man von einem Kind ganz unbefangen gefragt wird, was das Wort „Pädophilie“ bedeutet? Können Kinder überhaupt verstehen, was wir als Pädophile für sie empfinden? Vermutlich nicht, denn die Sexualität eines Erwachsenen ist ihnen noch fremd. Erst wenn sie selbst in die Pubertät kommen, eröffnet sich ihnen eine ganz neue Gefühlswelt, die sie vorher nicht kannten. Erst dann können sie auch einen Begriff wie Pädophilie in seiner ganzen Bedeutung verstehen und einordnen.

Trotzdem haben auch Kinder ein Recht darauf, dass man ihre Fragen beantwortet ‒ so ehrlich, aber auch so kindgerecht wie möglich. Im Bereich der Sexualität ist das nicht immer einfach, deshalb gibt es ja auch so eine Vielzahl an Büchern und Broschüren zu diesem Thema. Auch das Internet hält ein unübersehbares Angebot für Eltern, Kinder und Pädagogen bereit. Hier kann man sein Kind auch guten Gewissens auf die Seiten von Mellvil verweisen, einem vielfältigen und sehr informativen Webangebot für Kinder und Jugendliche. Dort gibt es auch ein kleines Lexikon zur Sexualität:

Sex-Lexikon

In kindgerechter und lockerer Sprache werden viele wichtige Begriffe erklärt, von den Sexualorganen über sexuellen Orientierungen bis hin den zu Geschlechtskrankheiten. Auch das heikle Wort „Pädophilie“ wird dabei nicht ausgespart. Warum auch? Für Kinder hat dieses Wort wahrscheinlich noch nicht diese emotionsbesetzte Bedeutung wie für uns Erwachsene. Genau darin liegt die Chance, die Kinder auf eine sachliche und unvoreingenommene Weise aufzuklären, wie es bei Erwachsenen oft nicht mehr möglich ist. Die Mellvil-Kinderseite bietet dafür gute Voraussetzungen, denn dort findet sich eine knappe, aber sachlich absolut korrekte Begriffserklärung. Das Wichtigste: Es wird klar unterschieden zwischen Pädophilie („sexuelle Neigung Erwachsener zu Kindern“) und sexuellem Missbrauch („Berührungen, Küssen usw.“). Eine äußert wichtige Unterscheidung, wie man sie auf vielen „Erwachsenenseiten“ längst nicht immer findet. Die Neigung selbst wird in keiner Weise bewertet; gleichwohl wird darauf hingewiesen, dass das Ausleben dieser Neigung mit Gefahren verbunden ist und für den Erwachsenen unter Strafe steht.

So viel Differenzierung sollte eigentlich selbstverständlich sein, aber sie ist es bekanntlich nicht. Gerade im Internet schwirren alle möglichen Pädophile-Definition herum. Darunter sehr gute und fundierte (z. B. bei Wikipedia), aber auch höchst vulgäre („Pädophilie ist das größte Verbrechen“), bei denen es nur darum geht, persönliche Hassbotschaften zu verbreiten. Ich mag mir nicht ausdenken, was es nach sich ziehen kann, wenn man solch aggressive Botschaften schon Kindern und Jugendlichen einimpft ‒ und damit auch Jugendliche in die Verzweiflung treiben kann, die irgendwann selbst pädophile Neigungen an sich feststellen.

Doch in diesem Fall ist die Sorge unberechtigt, denn den Mellvil-Machern ist eine wohltuend unspektakuläre Pädophilie-Beschreibung gelungen, wie man sie sich nur wünschen kann. Die Sichtweise der Sexualmedizin wird völlig korrekt wiedergegeben ‒ strikt an den Fakten orientiert, auf das Wesentliche beschränkt und ohne unterschwellige Wertungen. Die Redakteure von Mellvil haben ihre pädagogische Verantwortung wahrgenommen, Kindern objektive und ehrliche Information zu bieten, die nicht von persönlichen Wertungen durchtränkt ist. Würde die nachfolgende Generation überall so objektiv und unvoreingenommen aufgeklärt werden, dann bestünde die Hoffnung, dass viele Vorurteile uns Pädophilen gegenüber vielleicht irgendwann aussterben.

aktualisiert: 30.04.2011